Thyssenkrupp: Ist der Stahlriese am Ende? | Ellmann Consulting

Ist der Stahlriese am Ende?

Thyssenkrupp Marktanalyse

by Lukas Ellmann

Ist der Stahlriese am Ende?

Thyssenkrupp Marktanalyse

by Lukas Ellmann

by Lukas Ellmann

Thyssenkrupp steckt tief in der Krise, und zwar so tief, dass auch der aufgenommene Kredit in Höhe von einer Milliarde eventuell nicht weiterhelfen wird. Wie schlimm steht es um den DAX-Konzern und können sie sich noch aus der Misere ziehen?

Dieser Beitrag richtet sich in erster Linie an:

  • Interessenten der Thyssenkrupp-Gruppe
  • Gewerbliche, die an einer Marktanalyse interessiert sind
  • Wirtschaftlich interessierte Leser

Ihre Zeit ist uns sehr wichtig, daher wählen Sie gerne die Option, welche Ihnen am meisten zusagt: 

Wir möchten an dieser Stelle vorab erwähnen, dass wir natürlich nicht alle Pläne des Vorstands vollständig durchblicken können. Wir haben uns anhand verschiedener Quellen, welche allesamt angegeben sind, ein eigenes Bild von der aktuellen Lage gemacht und argumentieren aufgrund öffentlich zugänglicher Informationen. Zusammen schauen wir uns in diesem Beitrag die Firma Thyssenkrupp sowie deren Marktumfeld qualitativ an und leiten aus den erschlossenen Informationen Problemfelder und Handlungsalternativen ab.

Die Ausgangslage

Sprechen wir im ersten Schritt über die Aktiengesellschaft, damit wir alle verstehen wie Thyssenkrupp Umsatz erzielt. Im Quartalsbericht vom 13.02.2020 wies die Gesellschaft Umsatz in sieben verschiedenen Bereichen aus. Dieser Zwischenbericht bezieht sich auf den Zeitraum 1. Okt. 2019 – 31. Dez. 2019. Wir haben die sieben Bereiche, absteigend sortiert nach EBIT (in Mio. €), für Sie aufgelistet:

  • Elevator Technology (207),
  • Industrial Components (43),
  • Materials Services (11),
  • Marine Systems (0),
  • Plant Technology (-19),
  • Automotive Technology (-78) und
  • Steel Europe (-166).

Zusammen mit dem Corporate Headquarters (-103) und der Überleitung (-10) weist der Konzern ein EBIT von insgesamt -115 Mio. Euro aus. Das bereinigte EBIT liegt bei 50 Mio. Euro1.


Wir haben an dieser Stelle die letzten Quartalszahlen genommen, weil diese am aktuellsten sind. Natürlich versuchen wir im Folgenden langfristiger zu schauen. Der Konzern befindet sich aktuell in einer Restrukturierung und die nächsten Quartalszahlen werden kein viel besseres Bild abgeben (zumal der Auftragsausfall durch die Corona-Krise noch dazu kommt). Wir interessieren uns für die langfristige Ausrichtung des Konzerns.


In der dazugehörigen Pressemitteilung spricht Thyssenkrupp davon, dass die Restrukturierungsmaßnahmen wie geplant voranschreiten. Mit einer freien Liquidität von 5,1 Mrd. Euro sieht sich der Konzern, trotz der Netto-Finanzschulden von 7,1 Mrd. Euro sowie eines Free Cashflow vor M&A von -2,5 Mrd. Euro, als „solide finanziert“.

Für das Jahr 2020 erwartet der Konzern wieder einen deutlich negativen Free Cashflow vor M&A von -1,1 Mrd. Euro und einen „deutlich höheren Jahresfehlbetrag als im Vorjahr“ aufgrund der Restrukturierung2.

Mit anderen Worten: Der Konzern verbrennt enorm viel Geld, sieht sich aber gut finanziert. Das war vor der Corona-Krise.

Ein paar Tage später sieht man dann auch wieso Thyssenkrupp sich als gut finanziert sieht, denn am 27.02.2020 wurde eine Pressemitteilung veröffentlicht, in welcher der Verkauf des Aufzugsgeschäfts verkündet wird. 17,2 Mrd. Euro erhält der Konzern und der Abschluss der Transaktion wird für Ende Juni 2020 erwartet.

Die Vorstandsvorsitzende Martina Merz verrät, dass die Mittel zum einen für die Entschuldung des Unternehmens und zum anderen für strategische Investitionen verwendet werden sollen3.

Wir erinnern uns gemeinsam an die absteigende Sortierung der Geschäftsbereiche zurück und sehen, dass der Bereich Elevator Technology mit großem Abstand an erster Stelle stand. Dieser ist nun verkauft.

Was sind die größten Probleme?

Am 02.04.2020 schrieb das Capital über den „Risikopatienten Thyssenkrupp“ und schildert die aktuelle Situation in der Corona-Pandemie. Die Kernaussagen haben wir hier einmal zusammengefasst4:

  1. Statt der versprochenen neuen Strategie gibt es nun ein „Sofortpaket Corona-Krise“
  2. Investitionen werden hintenangestellt und Ausgaben minimiert
  3. IG-Metall hält sich vorerst zurück

Einen Monat später steht Thyssenkrupp groß im Handelsblatt „eine Milliarde Euro Staatshilfe“. Die Sanierung ist, in der ursprünglichen Planung, wohl passé und kurzfristig wird der Schuldenstand noch weiter erhöht statt, wie geplant, abgebaut. Das Stahlgeschäft leidet stark unter den Produktionsstopps der Automobilindustrie und ohne große Investitionen kann Thyssenkrupp die wettbewerbsfähig nicht wiederherstellen5.

In kurzen Stichpunkten:

  • Mit der Aufzugsparte wurde der lukrativste Geschäftsbereich verkauft
  • Die Einnahmen aus dem Verkauf können nicht wie geplant für Investitionen genutzt werden
  • Um die Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen, oder zu erhalten, muss Thyssenkrupp investieren
  • Die EU-Klimaziele 2030 werden ohne weitere Investitionen ebenfalls nicht erreicht
  • Die bleibenden Einnahmen aus den anderen Geschäftsbereichen werden durch die Corona-Pandemie einbrechen
  • Die Schuldenlast ist erdrückend hoch und wird nun noch weiter erhöht
  • Das Eigenkapital ist im besten Fall dürftig und der Free Cashflow in der aktuellen Lage schnell aufgebraucht

Wie geht es weiter?

Zunächst muss Thyssenkrupp sich mit einer deutlichen Kostensenkung beschäftigen, da die aktuellen Kosten weder verhältnismäßig noch tragbar sind. Diesen Umstand scheint der Vorstand und auch die Gewerkschaft verstanden zu haben. Es wird nun deutlich mehr Flexibilität in der Umbesetzung von Arbeitsplätzen erreicht und 3000 Stellen werden abgebaut.

Dem steht aktuell entgegen, dass der Stahlpreis erhöht ist, die Konkurrenz teilweise deutlich günstiger produziert und die Nachfrage enorm abgefallen ist.

Zusätzlich zur geplanten Kostensenkung muss die Liquidität gestützt werden. Dazu hat Thyssenkrupp eine Milliarde bei der KFW Bank aufgenommen. Allerdings war die Absicherung des Kredits sehr schwierig, das bedeutet, sollte der Betrag nicht ausreichen wird eine erneute Finanzierung kompliziert.

Im nächsten Schritt werden dann Investitionen fällig, um die Markt- und Technologieposition zu stützen. Diese Investitionen werden aufgrund der aktuellen Lage gestreckt. Hier sehen wir das größte Problem, denn wie im vorherigen Abschnitt geschildert, werden diese Investitionen dringend benötigt.

In aller Deutlichkeit: Thyssenkrupp verliert die Einnahmen aus seinem lukrativsten Geschäft und die anderen Bereiche leiden, teilweise sehr stark, unter der Corona-Krise. Sollte die Liquidität erneut knapp werden scheint eine weitere Finanzierung sehr schwierig und die Bundesregierung müsste eingreifen.

Fazit & Handlungsempfehlungen

Für Thyssenkrupp kommt die Corona-Krise zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt. Wir würden nicht so weit gehen und sagen, dass der Verkauf des Aufzugssegments ein Lichtblick war, aber immerhin hatte man gerade eine Strategie erkannt. Diese ist nun notgedrungen angepasst worden, wodurch es fraglich ist, ob die geplanten Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen wirklich ausreichend sind.

Thyssenkrupp muss sich unserer Meinung nach schnellstmöglich selbst hinterfragen. Wer in seinem Geschäftsbericht in den verschiedenen Bereichen des Öfteren von einem „schwierigen Marktumfeld“ sprechen muss, hat augenscheinlich ein Problem mit seinem Geschäftsmodell. Lediglich in einem von sieben Bereichen wurde ein sehr gutes Ergebnis erzielt und dieses wurde nun verkauft. Es bleiben sechs schwächere Geschäftsbereiche die einen Konzern stützen sollen, welcher bereits in der Schieflage steht.

Durch Kostensenkungen soll das EBIT auf Dauer um 200 Mio. Euro pro Jahr gesteigert werden. Allein der Bereich Steel Europe vernichtete 166 Mio. Euro im ersten Quartal. Aus diesem Blickwinkel ist fraglich, ob die angestrebte Kostensenkung ausreichend ist.

Während der Analyse haben wir zwar festgestellt, dass Thyssenkrupp sich über Ihren USP im Klaren ist, aber wir haben eine Selbstreflexion in den einzelnen Bereichen stark vermisst.

Während der Bewältigung der aktuellen Krise sollte nicht die Zukunft vergessen werden. Allerdings ist ohne die Bewältigung eine Zukunftsplanung hinfällig. Es bedarf, unserer Meinung nach, deutlich gravierenderer Entscheidungen, ansonsten wird die Bewältigung sehr schwierig.

Quellen

1: thyssenkrupp, Zwischenbericht 1. Quartal 2019/2020, 13.02.2020

2: thyssenkrupp, Pressemitteilung, 13.02.2020

3: thyssenkrupp, Pressemitteilung, 27.02.2020

4: Capital, Risikopatient Thyssenkrupp, 02.04.2020, aufgerufen am 03.05.2020

5: Handelsblatt, Thyssen-Krupp bekommt eine Milliarde Euro Staatshilfe, 30.04.2020, aufgerufen am 03.05.2020

Lukas arbeitet seit 2018 selbstständig als Unternehmensberater. Schon früh hat er sich auf Dienstleistungen für produzierende Betriebe und Start-Ups spezialisiert. Die Kernkompetenzen der Beratung liegen im Verkauf/Marketing, Pricing und Prozessmanagement.

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